Der Trick mit den Flying Headsails
Dass QUANTUM SAILS Germany-Chef Sven Krause selbst begeisterter Regatta-Segler ist, das wissen Sie: Nationale und internationale Meisterschaften, fully-crewed, doublehand und solo racing. Sven ist dabei ebenso auf erfolgreichen Yachten wie HALBTROCKEN unterwegs, wie auch an Bord seiner eigenen Comfortina 32, mit der er unter anderem beim Silverrudder teilnimmt.
Das ist insofern interessant, als dass Sie von Ihrem Segelmacher selbstverständlich Segelkompetenz erwarten können sollten – bei Sven Krause kommen hierbei Erfahrungen eines mehrmaligen Admirals Cup- und ORC-Weltmeisterschaft-Teilnehmers und leidenschaftlichen Fahrtenseglers zusammen.
In zwei Wochen steht nun das nächste Silverrudder an: Die größte Einhand-Regatta der Welt wird wieder buchstäblich Hunderte Segler und deren Boote ins dänische Svendborg locken. Das Rennen hat sich zu einem der ganz großen Höhepunkte der Einhand-Segelszene in Europa entwickelt. Einmal non-stop rund Fünen – eine Prüfung für Psyche, körperliche Fitness und natürlich auch für die Boote und deren Segel. Akribische Vorbereitung, seglerischer Instinkt, gute Wetter-Planung, das alles kombiniert mit Revierkenntnis (vor allem der Strömungsverhältnisse wegen) und jeder Menge Durchhalte-Power sind gefragt: Der „komplette“ Segler eben.
Ein sinnvoll zusammengestellter Segelsatz ist entscheidend für eine erfolgreiche Regatta-Teilnahme
Wer mit gewissen Ambitionen an einer Segelregatta teilnimmt braucht allerdings noch eine wichtige Zutat: Die richtige Kombination von Segeln. Dabei ist es fast gleichgültig, ob ein Handicap-System wie Yardstick, ORC oder IRC angewendet wird. Wenn es wegen der Formel Feinheiten zu beachten sind, sollte Ihr Segelmacher sich dort auskennen und entsprechend beraten. Ganz wichtig ist aber stets, einen Segelsatz zusammenzustellen, der sowohl am Wind als auch auf Vorwind- und Reaching-Kursen keine großen Lücken hat. Dabei ist der Begriff „Lücke“ sowohl hinsichtlich Windstärke als auch Windwinkel zu betrachten. Erfahrungsgemäß segelt ein Schiff nämlich nur dann erfolgreich, wenn die Segel alle Bereiche abdecken. Lücken im sog. „Inventory“, also Segelstell, sind nicht förderlich für ordentliche Platzierungen. Wie angedeutet können Handicap-System dabei wichtige Kriterien für Größe und Geometrie der einzelnen Segel vorgeben, unterm Strich bleibt jedoch, dass die Segel einander ergänzen und das Schiff auf allen Kursen so schnell wie möglich machen müssen. Professionellere Crews arbeiten deshalb mit so genannten Sail Charts. Darin sind auf den beiden Achsen True-Windwinkel und True-Windspeed markiert. Die einzelnen Segel sind dann darin mit Ihrem jeweiligen Einsatzbereich eingezeichnet. Lücken sind so schnell zu erkennen und an Bord während der Regatta erleichtert es die Auswahl des richtigen Segels oder der optimalen Segelkombination.
Bei einer Regatta wie dem Silverrudder müssen sich alle Teilnehmer auf das ganze Spektrum von Windverhältnissen vorbereiten. Die zirka 140 Seemeilen lange Rundstrecke um die Insel Fünen kann je nach Wetterlage Starkwind mitbringen oder ausgesprochenes Flautensegeln. Sven Krause kann davon ein Lied singen. 2024 gab es vor der großen Belt-Brücke großen Flautenparkplatz. Das Feld ist damals vor der Brücke in einem Windloch steckengeblieben. Wildes Treiben, manch einer musste den Motor anwerfen (und wurde damit disqualifiziert), um nicht gegen Brückenpfeiler zu treiben. Nur wenige antizipierten die Windentwicklung richtig und konnten sich darüber hinaus mit geeigneten Segeln früher aus der Situation befreien als andere Teilnehmer. Wir wollen in diesem Artikel anhand der Segel-Planung und Vorbereitung von Sven Krause einmal zeigen, wie Erfahrungen und Planung schrittweise die Segelausstattung einer Segelyacht verändern. Und das gilt nicht nur für Regattayachten.
Der ORC-Trick mit den „Flying Headsails“
Spulen wir ein Jahr zurück. Start des Silverrudder 2024. Sven Krause ist mit seiner Comfortina 32 mod am Start. „Mod“ zeigt in diesem Fall an, dass Sven nicht mehr mit der original geriggten Comfortina segelt. Sein Boot ist mittlerweile beispielsweise mit einem Bugspriet oder einer versenkten Roll-Anlage ausgestattet. An Bord hat Sven damals unter anderem zwei Gennaker: Einen großen A2 und einen deutlich kleineren, so genannten A0/A5 Gennaker: Eine Spezial-Entwicklung, die QUANTUM SAILS schon einige Jahre vorher extra für das ambitionierte Regatta-Segeln unter ORC-Rating auf den Markt gebracht hatte. Der A0/A5 fungiert im ORC-Einsatz als Code 0-Ersatz. Er schließt die Lücke zwischen der Fock mit nur 105 oder 106% Überlappung und dem kleinsten Spinnaker. Das sind alle Kurse ab ca. 60° bis 110° TWA. Dieser Bereich kommt nicht oft vor, aber wenn der Kurs entsprechend liegt, kann man mit einem passenden Segel extrem punkten. Und im mittleren und oberen Windbereich dient das Segel als effektiver Reacher für raumere Kurse. Gesetzt und geborgen wird der A0/A5 wie ein Gennaker – es ist ein frei fliegendes Segel.
Dieses Segel sollte im Rating nicht „teuer“ sein“. Ein Bugspriet nur für dieses eine Segel kommt auf den meisten Schiffen auch nicht in Frage. Deshalb muss die Mittelbreite mindestens 75% der Unterlieklänge betragen. Nur dann wird das Segel als Gennaker vermessen. Wäre es kleiner, geht es nur als Flying Headsail durch. Und das verschlechtert das Rating auf Amwind-Kursen deutlich. Das Ziel der Designer und Rating-Experten ist also ein Segel, dass die Lücke im Sailchart schließt, aber im Messbrief fast keinen negativen Einfluss hat. Der Quantum A0/A5 ist dafür das perfekte Segel. Sven war entscheidend an der Entwicklung dieses Segels beteiligt und hat es bei vielen Projekten erfolgreich eingesetzt. Deshalb hat auch auch für seine Comfortina einen A0/A5 angefertigt und im Silverrudder 2023 und 2024 eingesetzt. Zwar gibt es beim Silverrudder keinerlei Regeln, die die Segelwahl beschränken. Es gibt auch kein Handicap-System, die Teilnehmer werden lediglich nach Länge in Startgruppen eingeteilt und segeln vergütungsfrei gegeneinander. Dennoch war der A0/A5 ein sinnvoller Bestandteil von Svens Segelstell.
Konstante Verbesserung des Segel-Setups auf Regatta-Booten
Zurück zum Silverrudder 2024: Nördlich der Belt-Brücke bei Nyborg gab es Arbeit für Svens A0/A5. Ein spitzer Kurs führt mit dem frisch von rechts einsetzenden Wind zur Nordspitze von Fünen. Das passt soweit, allerdings steht schon den ganzen Tag eine kleine Welle von Nord aus dem Kattegat. Das war schon auf dem Stück von Thurø Rev zur Brücke zu bemerken und bei dem sehr leichten Wind etwas schwierig. Jetzt mit dem A0/A5 muss Sven etwas tiefer steuern, damit das Segel stabil steht. Damit geht natürlich wertvolle Höhe verloren. Am Ende passt es, aber diese Erfahrung ist gemacht. Ein frei fliegendes Segel muss dynamisch getrimmt werden. Dazu muss aufmerksam gesteuert werden. Beides Dinge, die im Einhand-Modus nicht immer zueinander passen. Kann ein anderes Segel das besser?
Nach einer langen Passage unter A2-Gennaker von der Nordspitze von Fünen durch den gesamten Kleinen Belt bis irgendwo vor Brandsø kommt wieder der A0/A5 zum Einsatz. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem es auch für dieses schmale, schlanke Segel zu spitz wird und Sven wieder auf die Genua wechseln muss. Zum Bergen muss er aber deutlich abfallen, das Segel bergen und wieder auf Kurs gehen. Das dauert nur wenige Minuten, aber die hart erkämpften Meter nach Luv sind wieder verschenkt. So gut die „Geheimwaffe“ A0/A5 auch ist – der Weisheit letzter Schluss war er noch nicht.
Die neuen AWA-Segel kommen!
Die Aufgabe für das Silverrudder 2025 war also klar: Sven braucht ein Segel, das die Lücke von der Genua (mit 29 Quadratmetern Segelfläche) zum A2-Gennaker (mit 83 Quadratmetern Segelfläche) schließen würde. Der A0/A5 war da mit 59 Quadratmetern genau richtig. Doch die Nachteile dieses Segels vor allem im Einhand-Betrieb haben Sven davon überzeugt, hier weiter am Setup zu optimieren. Als Gennaker ohne Furler oder Bergeschlauch ist neben dem aktiven, dynamischen Segeln vor allem das kräftezehrende und umständliche Bergen von Hand ein Problem, vor allem im Solo-Modus: Hier muss man auf mindestens 140 Grad abfallen und verliert natürlich hart erkämpfte Höhe. Selbst wenn beim Bergen alles glattgeht, verliert man viel Zeit und Vorsprung. Die Lösung: Die neuen Shapes der AWA-Segel!
Seit einigen Jahren sind Code 0 mit unterschiedlichen Einsatzbereichen im Angebot, welche für spezielle Apparent-Wind-Angle Bereiche (scheinbarer Windwinkel) optimiert sind. Diese sogenannten AWA-Segel bieten einerseits genau die Lösung für Svens Ansprüche an das Segel-Setup ohne dabei auf der anderen Seite die Nachteile eines frei fliegenden Gennakers zu haben. Sven wird nun also einen echten Code 0 mit Anti-Torsionskabel im Vorliek und Rollanlage zum Einsatz bringen. Das bedeutet einfaches Setzen und Bergen in Sekunden. Das Segel behält sein Shape auch bei wenig Wind und mehr Bewegung im Schiff. Das liegt am QUANTUM SAILS Code Tec UAX-Laminat, welches in Verbindung mit dem Kabel für ein perfekten Shape sorgt. Mit einer Mittelbreite von 77% ist das neue Segel recht groß und wird deshalb weiterhin als Gennaker vermessen. Das ist für das Silverrudder wie erwähnt unwichtig, aber es gibt ja auch andere Regatten, die nach ORC oder Yardstick gewertet werden. Da spielt die Mittelbreite wieder eine Rolle.

Nach ersten Schlägen während des Sommertörns mit den neuen AWA 60 aus Code-Tec UAX ist Sven sich sicher, ein Segel im Bestand zu haben, dass die erkannten Probleme des frei fliegenden A0/A5 für die Einhand-Segelei beseitigt. Ein AWA-Segel, das als Code 0 gefahren wird, aber eben auch einen Teil des Windbereichs vom Gennaker abdeckt. Ein stabiles, einhand gut zu handelndes Setup das nicht mehr so dynamisch gesegelt werden muss, das mehr Steuerfehler verzeiht und lange stabil steht. In wenigen Tagen wissen wir, ob Svens Plan ausgegangen ist …
QUANTUM SAILS ist offizieller Silverrudder Sponsor
Und so freuen uns auf ein spannendes Silverrudder – Challenge of the Seas 2025! Sven Krause wird ebenso an den Start gehen, wie die übrigen etwa 380 Starter des Feldes. Wir freuen uns zudem, in diesem Jahr als offizieller Sponsor diese Veranstaltung unterstützen zu dürfen: Das Amateur-Racing erfreut sich einer wachsenden Beliebtheit, Einhand und Double-Hand Regatten verzeichnen Teilnehmer-Rekorde: „Hier selbst am Start zu sein und unsere eigenen Produkte zu testen, sie zu verfeinern und immer weiter anzupassen, ist das eine“, sagt Sven Krause: „Der unmittelbare Dialog mit anderen Seglern – Kunden oder nicht – ist aber das, was für mich als Segelmacher das Spannendste ist!“

Denn es ist das direkte Feedback der Teilnehmer, die Beobachtung anderer Segler während des Rennens, deren Ideen, Ansätze und Strategien, bringen Sven Krause und das QUANTUM SAILS-Team weiter. So, wie dereinst die Idee vom A0/A5 Gennaker aus der Praxis heraus geboren wurde, werden bei den verschiedenen Segel-Events und Regatten die Theoreme und am Computer errechneten Ansätze live und im echten Racing-Einsatz getestet. Verfolgen Sie das Silverrudder 2025 auf unseren offiziellen Social Media Kanälen facebook und instagram und folgen Sie Sven Krause beim Ritt (und hoffentlich nicht Drift) um die Insel Fyn.
Wenn Sie eine individuelle, unverbindliche Beratung für Ihre Segel-Setup (egal, ob Cruising oder Racing) benötigen, senden Sie uns bitte gern eine Anfrage.
